The Greater Patagonian Trail - Sektion 19: Wo die Erde brodelt & Schwefelgeruch in der Luft liegt
Und wieder einmal war es eine absolut überwältigende Etappe. Es ging weiterhin durch vulkanische Landschaften. Ich kam an Geysiren vorbei, wo der Untergrund brodelte und dampfte - ein fast schon surreales Spektakel. Ein weiteres Highlight war der Vulkankrater mit Gletscher im Inneren sowie das "Skifahren" im Vulkansand. Irgendwo dazwischen tauchte immer wieder der Franzose mit dem riesigen Rucksack auf.
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| Der Untergrund dampft und brodelt bei den Geysiren |
Mittwoch, 18. Februar 2026
Der Minibus von Futrono nach Riñinahue - meinen Ausgangspunkt für die Sektion 19 - fuhr um 9:55 Uhr vor dem „Supermercado Big“ los. Das herauszufinden war allerdings fast schwieriger als die Etappe selbst. Es gibt keine Fahrpläne, keine Haltestelle und niemand schien so wirklich eine Ahnung über die Abfahrtszeiten zu haben.
Ein paar Dörfer weiter stieg ein junger Mann mit riesigem Trekkingrucksack zu. Vielleicht auch ein GPT-Wanderer? Es machte mich aber stutzig, dass er chilenische Marken trug. Ich weiß ja inzwischen, dass die Chilenen nicht unbedingt alleine in die Berge gehen.
Ab Riñinahue ging es für mich per Anhalter weiter. Während ich bei einem älteren Herrn im Auto saß, sah ich plötzlich diesen jungen Mann mit dem riesigen Rucksack am Straßenrand stehen und den Daumen rausstrecken. Mein Fahrer wollte ihn aber scheinbar nicht mitnehmen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass wir uns noch einmal begegnen würden.
Und tatsächlich: Als ich bei meiner letzten Mitfahrgelegenheit einstieg, saß er auf der Rückbank. Das war fast schon filmreif. Er heißt Jean, ist 28, kommt aus Frankreich und wandert ebenfalls den GPT, allerdings erst seit einer Woche.
Es brauchte insgesamt vier Mitfahrgelegenheiten, bis ich mit Jean am Ende der unbefestigten Bergstraße ankam. Ich hatte mir somit eine ziemlich monotone Strecke erspart.
Nun ging es für ein paar Stunden durch einen dichten Wald. Dabei mussten wir durch das Privatgrundstück von Neri und Héctor. Zum Glück hatte ich bereits im Vorhinein die Telefonnummer von Señora Neri herausgefunden und sie somit kontaktieren können. Das ältere Ehepaar ließ uns Wasser auffüllen und verlangte 5.000 CLP für das Durchqueren ihres Grundstückes. Unsere Kontaktdaten mussten wir zur Sicherheit in ein Buch eintragen.
Wegen der wenigen Wasserquellen schleppte ich über vier Liter Wasser mit mir herum. Normalerweise hatte ich in letzter Zeit höchstens 1,5 Liter dabei, weil es meist genug Bäche und Flüsse gibt - immerhin zählt jedes Gramm. Diesmal war mein Rucksack also wieder ein echtes Schwergewicht.
Gegen 18 Uhr schlug ich mein Nachtlager auf. Jean wollte noch weiterziehen. Die Wahrscheinlichkeit ist aber groß, dass wir uns bald wieder über den Weg laufen werden.
Am Abend kamen zwei Arrieros mit einem Pferd an meinem Zelt vorbei. Etwas bedrückt erzählten sie mir, dass sie ein krankes Pferd oben am Berg zurücklassen mussten. Sie baten mich, am nächsten Tag nach dem Tier zu schauen. Sie würden dann auch wiederkommen und versuchen, es irgendwie ins Tal zu bringen. Vielleicht würde es sterben. Man konnte richtig spüren, wie stark die Bindung zu ihren Pferden ist.
Donnerstag, 19. Februar 2026
Kaum war ich am Morgen aufgebrochen, stand ich auch schon bei Jeans Zeltplatz. Wir plauderten kurz, dann zog ich weiter. Bei den heißen Quellen würden wir uns wahrscheinlich wiedersehen. Das kranke Pferd konnte ich nirgends finden.
Dann begann eine der surrealsten Passagen dieser Reise. Bereits lange bevor ich die Geysirse sah, roch ich sie. Es lag ein intensiver Geruch nach faulen Eiern (Schwefel) in der Luft.
Geysire sind relativ seltene Naturphänomene in vulkanisch aktiven Gebieten. Tief unter der Erde wird Wasser durch heißes Gestein so stark erhitzt, dass sich enormer Druck aufbaut. Dann schießt es als Fontäne in die Luft oder brodelt einfach vor sich hin.
Überall zischte und dampfte es aus dem Boden. Der Untergrund war ziemlich weich. Das durfte ich hautnah erfahren, als ich mit einem Fuß in der heißen, matschigen Masse einsank. Zum Glück ist nichts passiert. Die Vorstellung, von einem Geysir verschluckt und in die ewigen Jagdgründe befördert zu werden, finde ich nicht so prickelnd.
Bei den heißen Quellen traf ich Jean wieder. Leider war das Wasser viel zu heiß zum Baden. Mehr als kurz die Füße hineinzuhalten war also nicht drin. Trotzdem war der Umweg absolut lohnenswert. Das Tal wirkt wie aus dem Bilderbuch, durchzogen von vielen kleinen Flüssen.
Plötzlich landete tatsächlich ein Helikopter neben uns. Eine chilenische Familie machte einen Ausflug mit ihrer Privatmaschine hierher. Nach etwa 15 Minuten waren sie schon wieder weg, da auch für sie das Wasser viel zu heiß war. Sie boten uns noch ihre Telefonnummer an, falls wir am Berg in Schwierigkeiten geraten sollten. Wir lehnten dankend ab, schließlich haben wir Satellitentelefone dabei.
Später trennten sich die Wege von Jean und mir erneut. Der Rest des Tages führte mich durch eine beeindruckende Vulkanlandschaft, vorbei an versteinerter Lava und durch eine regelrechte Vulkansand-Wüste.
Freitag, 20. Februar 2026
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| Morgenstimmung |
Heute ging es weiterhin fast ausschließlich durch Vulkansand. Bergab macht das richtig Spaß, bergauf ist es sehr anstrengend - es geht einen Schritt vorwärts und man rutscht gefühlt zwei wieder retour.
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| Die Vulkansand-Wüste ist von schwarzer, versteinerter Lava durchzogen |
Ich kam an einem weiteren kleinen Geysir vorbei. Die Wassersituation hier ist eher schwierig. Es gab nur ein kleines Rinnsal mit klarem Wasser von einem Schneefeld, der Rest war ausgetrocknet oder milchkaffeebraun mit extrem viel Sediment.
Das Highlight des Tages war die Besteigung des Puyehue-Vulkans. Ich versteckte meinen großen Rucksack und nahm nur Wasser und Snacks mit. Der Aufstieg war weglos, steil und kräftezehrend im losen Sand. Weiter oben kamen Schneefelder dazu, teilweise mit Sand bedeckt.
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| Der Aufstieg zum Krater des Puyehue-Vulkans. Unter dem Sand liegt Schnee. |
Oben am Krater angekommen war die Aussicht ein Traum.
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| Der riesige Krater ist im Inneren mit Gletscher gefüllt. |
Der Abstieg machte richtig Spaß - es war quasi "Skifahren" im Sand.
Samstag, 21. Februar 2026
Der Morgen begann mit Blick hinunter auf ein Wolkenmeer.
Vor mir lagen rund 1.400 Höhenmeter Abstieg. Sobald ich in die Wolken eintauchte, verschwand die Sonne für den Rest des Tages. Stattdessen fand ich mich in einem sattgrünen, nebelverhangenen Regenwald wieder.
Unten angekommen befand ich mich am Eingang des Nationalparks Puyehue. Er ist bekannt für seine Regenwälder, smaragdgrünen Seen, Vulkanlandschaften und Thermalquellen.
Obwohl Samstag war, war der Campingplatz dort fast leer. Die Parzellen liegen weit auseinander, es gibt Strom, teilweise Wasseranschluss und vor allem heiße Duschen. Genau das, was ich gerade brauchte. Mit 18.000 CLP (= 16 €) pro Nacht ist es allerdings kein Schnäppchen.
Natürlich traf ich hier wieder Jean und wir aßen zusammen zu Abend in dem Restaurant am Campingplatz.
Sonntag, 22. Februar 2026
Der Nachteil am Regenwald ist, dass absolut nichts trocknet. Gestern habe ich meine Wäsche in der Dusche gewaschen, heute ist sie immer noch genauso klatschnass. Da ich morgen früh los muss und ganz sicher nicht in eiskalte, nasse Wanderkleidung schlüpfen möchte, habe ich beschlossen jetzt am Nachmittag bei ebenso kühlen Temperaturen die feuchten Sachen anzuziehen. Somit kann sie vielleicht durch die Körperwärme trocknen - und es hat tatsächlich funktioniert. Not macht eben erfinderisch!
Eine chilenische Familie schenkte mir Lebensmittel, die sie nicht über die Grenze nach Argentinien mitnehmen durften: Käse, Eier, Butter und Wein. Meine Freude war natürlich groß. Es blieb mir aber trotzdem nicht aus in den nächsten Ort zu fahren, um noch ein paar Lebensmittel einzukaufen. Die Hinfahrt konnte ich mit einem Bus zurücklegen, retour blieb mir als einzige Möglichkeit es per Anhalter zu versuchen. Die Strecke ist ziemlich lang und wenig befahren, doch ich hatte unglaubliches Glück: kaum den Daumen rausgehalten nahmen mich auch schon drei junge Männer mit.
Morgen starte ich in die Sektion 20. Die Zeit rennt. Voraussichtlich werde ich noch bis Anfang März unterwegs sein und dann den GPT für diese Saison beenden.
GPT19 - Technische Daten:
• Distanz: 79 km
• Höhenmeter: 3.664 m
• Dauer: 3,5 Tage
Insgesamt am Greater Patagonian Trail:
• Distanz: 1.261 km
• Höhenmeter: 49.994 m



















































